
Der stille Preis von Stress am Arbeitsplatz
Jasmin Cohen
Head of Growth
Artikel-Highlights
Die sichtbaren Kosten sind nur ein Bruchteil
- Präsentismus verursacht fast 87 Prozent der Produktivitätsverluste, nicht Fehltage.
- In Österreich stammen rund 69 Prozent der Zusatzkosten psychischer Erkrankungen aus Leistungsverlust, nicht aus Behandlung.
- EU-weit summieren sich die Kosten psychischer Erkrankungen auf über 600 Milliarden Euro jährlich, rund 4 Prozent des BIP.
Schweigen macht den Preis teurer
- Drei von vier Österreicher:innen haben ihre mentale Gesundheit im letzten Jahr mit niemandem am Arbeitsplatz besprochen.
- Zwei Drittel würden sich ihrer Führungskraft gegenüber nicht verletzlich zeigen wollen.
- Die eigene Führungskraft wird nur noch geringfügig mehr vertraut als ein KI-Tool bei psychischer Belastung.
Der erste Schritt macht den Unterschied
- 54 Prozent der Österreicher:innen sehen mentale Gesundheitsunterstützung als wichtiges Kriterium beim Arbeitgeberwechsel.
- Bründl Sports sparte durch ein Employee Assistance Program rund 1,2 Millionen Euro in einem Jahr.
- Entscheidend war nicht das Angebot allein, sondern dass Führungskräfte es zuerst selbst offen nutzten.
Montagmorgen, der Kalender ist bereits voll, der Kopf eigentlich schon leer. Trotzdem wird die erste Mail beantwortet, freundlich beim Kaffeeholen gegrüßt, ein Lächeln aufgesetzt, das niemand hinterfragt. Nach außen wirkt das wie ein ganz normaler Tag. In Wirklichkeit gehen in Österreich 83 Prozent der Menschen selbst dann noch arbeiten, wenn sie längst erschöpft sind.¹ Das wirkt zunächst wie Verlässlichkeit. Es ist aber das teuerste Symptom von Stress am Arbeitsplatz, denn es taucht in keiner Krankenstandsstatistik auf. Der größte Teil dieses Preises liegt nicht in Fehltagen, sondern in dem, was zwischen den Zeilen passiert. Da ist die Leistung, die stillschweigend nachlässt. Und da sind Menschen, die anwesend sind, aber innerlich schon einen Gang zurückgeschaltet haben.
Das Wichtigste in Kürze
Präsentismus verursacht fast 87 Prozent der Produktivitätsverluste durch Stress, nicht Fehltage.
In Österreich stammen rund 69 Prozent der Zusatzkosten psychischer Erkrankungen aus Leistungsverlust, nicht aus Behandlung.³
EU-weit summieren sich die Kosten psychischer Erkrankungen auf über 600 Milliarden Euro jährlich, rund 4 Prozent des BIP.²
Drei von vier Österreicher:innen haben ihre mentale Gesundheit im letzten Jahr mit niemandem am Arbeitsplatz besprochen.¹
Für 54 Prozent der Österreicher:innen ist mentale Gesundheitsunterstützung ein wichtiges Kriterium beim Arbeitgeberwechsel.¹
Bründl Sports sparte durch das Mavie Employee Assistance Program rund 1,2 Millionen Euro in einem Jahr, auch weil Führungskräfte es selbst offen nutzen.⁵
Die Rechnung, die niemand sieht
Krankenstand ist einfach zu beziffern: Tage, Kosten, Summe. Präsentismus, also zum Beispiel Arbeiten trotz Erschöpfung, entzieht sich dieser einfachen Rechnung, obwohl er sie am stärksten prägt. Eine große britische Studie mit über 26.000 Beschäftigten zeigt, wie sehr sich das Verhältnis verschiebt: Im Schnitt gingen 2023 nur 6,1 Arbeitstage durch tatsächliche Fehlzeiten verloren, aber 43,6 Tage durch Präsentismus.⁴ Das sind fast neun Wochen, in denen jemand am Schreibtisch sitzt, ohne wirklich da zu sein. Man merkt es nicht an einem Fehltag im Kalender. Man merkt es an der E-Mail, die zweimal gelesen werden muss. Am Meeting, in dem jemand nur noch nickt. An der Entscheidung, die eine Nacht länger braucht als sonst. Wie eng Fehltage mit psychischer Belastung zusammenhängen, zeigt der Beitrag „Depression als Ursache für Fehltage“.
Österreich: Wenn Erschöpfung zur Routine wird
Die Mavie Stress Studie 2026 zeigt, dass Arbeit für Österreicher:innen der mit Abstand größte Stressfaktor ist, noch vor finanziellen Sorgen und der eigenen Gesundheit.¹ Und wenn Menschen trotz Erschöpfung ins Büro kommen, tun sie das am häufigsten aufgrund finanzieller Notwendigkeit. Dahinter folgen zwei sehr menschliche Gründe: Frauen berichten überdurchschnittlich oft von Schuldgefühlen gegenüber Kolleg:innen, Männer davon, bloß keine Schwäche zeigen zu wollen.¹ Beides sind keine rationalen Kalkulationen, sondern das leise Gefühl, dass Ausfallen keine Option ist. Ein Viertel der Befragten spürt dabei einen deutlichen Leistungseinbruch durch den eigenen Stress, sagt darüber aber niemandem etwas.¹
Der eigentliche Preis liegt in der Leistung, nicht im Krankenstand
Das sind keine abstrakten Zahlen, sondern ganz gewöhnliche Tage, die sich addieren. Eine österreichische Studie im European Journal of Health Economics rechnet das konkret vor: Menschen mit einer psychischen Erkrankung verursachen jährlich rund 5.411 Euro an zusätzlichen Kosten pro Person, wovon knapp 69 Prozent aus Leistungsverlust stammen und nicht aus Behandlung.³ Die Arztrechnung ist also der kleinere Teil der Geschichte. Auf europäischer Ebene wiederholt sich dasselbe Muster in großem Maßstab: Die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen erreichen in der EU über 600 Milliarden Euro jährlich, umgerechnet etwa 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.² Diese Summen entstehen nicht in Krankenzimmern. Sie entstehen in Meetings, die schlechter laufen. Und in guten Mitarbeitenden, die gerade nicht ihre beste Version zeigen können, auch wenn sie es wollen. Wie hoch sich das insgesamt summiert, zeigt auch der Beitrag „Was unmotivierte Mitarbeiter:innen einem Unternehmen kosten“.
Schweigen ist die teuerste Nebenwirkung
Was diesen Preis besonders hartnäckig macht, ist nicht nur, dass er unsichtbar bleibt, sondern dass so wenige darüber sprechen. Nur 14 Prozent der Österreicher:innen holen sich professionelle Unterstützung bei Stress, weniger als im Jahr davor.¹ Drei von vier haben ihre mentale Gesundheit im vergangenen Jahr mit niemandem am Arbeitsplatz besprochen.¹ Und wenn es konkret wird, würden zwei Drittel sich ihrer eigenen Führungskraft gegenüber lieber nicht verletzlich zeigen. Das gilt selbst dann, wenn der Stress direkt aus der Arbeit kommt.¹ Es ist die vertraute Angst, als schwach oder überfordert wahrgenommen zu werden. Nur ist diese Angst so verbreitet, dass sie beinahe zur Norm geworden ist. Wie tief diese Zurückhaltung inzwischen sitzt, zeigt ein kleines, aber sprechendes Detail. Bei einem Gespräch über psychische Belastung gilt die eigene Führungskraft den Befragten nur noch als geringfügig vertrauenswürdiger als ein KI-Tool.¹ Nicht, weil kein Bedarf da wäre. Sondern weil der erste Schritt zum Gespräch mit einem Menschen für viele einfach noch zu groß ist.
Was sich ändert, wenn jemand den ersten Schritt macht
Für Arbeitgeber:innen ist das kein Grund zur Resignation, sondern ein echter Ansatzpunkt. Für 54 Prozent der Österreicher:innen ist mentale Gesundheitsunterstützung inzwischen ein wichtiges Kriterium bei der Wahl eines neuen Arbeitgebers.¹ Was am aktuellen Arbeitsplatz meist unausgesprochen bleibt, wird beim Gedanken an einen Wechsel plötzlich sehr konkret. Beim Premium-Sporthändler Bründl Sports zeigte sich, wie viel allein die richtige Haltung bewirken kann. Ein Employee Assistance Program stand zwar von Anfang an allen offen. Wirklich genutzt wurde es aber erst, als einzelne Führungskräfte in einem Workshop offen erzählten, dass sie selbst schon einmal ein Beratungsgespräch geführt hatten.⁵ Danach verbreitete sich die Nutzung im Unternehmen, wie es der Geschäftsführer selbst beschreibt, „wie ein positiver Virus“. Die Krankenstandstage pro Kopf sanken von 8,6 auf 7,5, eine Ersparnis von rund 1,2 Millionen Euro in einem Jahr.⁵ Nicht das Angebot allein hat das bewirkt, sondern auch die Signalwirkung einer Führungskraft, die sich aktiv um die eigene mentale Gesundheit gekümmert hat. Wie sich ein Employee Assistance Program konkret rechnet, zeigen die wichtigen Zahlen zur ROI-Berechnung von EAP.
Der Punkt, an dem sich das ändert
Sie tragen als Führungskraft oder Arbeitgeber:in nicht nur Verantwortung für Kennzahlen, sondern für Menschen. Menschen, die jeden Tag versuchen, gut durchzukommen, oft leiser, als es irgendjemand merkt. Dieser stille Preis existiert in Ihrer Organisation schon heute, ob er ausgesprochen wird oder nicht. Die eigentliche Entscheidung liegt nicht darin, ob er da ist, sondern ob er weiterhin unsichtbar bleibt. Ein niedrigschwelliges, vertrauliches Angebot wie ein Employee Assistance Program macht daraus keinen Zusatzposten im Benefits-Katalog. Es ist der erste konkrete Schritt, aus stillem Stress wieder sichtbare, gesunde Leistungsfähigkeit zu machen. Neben dem richtigen Angebot beginnt es manchmal mit derselben einfachen Geste wie bei Bründl Sports: einer Führungskraft, die offen darüber spricht. Wer dafür intern noch Überzeugungsarbeit leisten muss, findet Unterstützung in den 4 Argumenten, um die Geschäftsführung von EAP zu überzeugen.