
Urlaub ist nicht gleich Entspannung: Was wirklich gegen Stress hilft
Jasmin Cohen
Head of Growth
Artikel-Highlights
Der Urlaub kann nicht reparieren, was das ganze Jahr über fehlt
- Zwei Wochen Urlaub gleichen monatelangen Stress biologisch nicht aus.
- Der Körper braucht Zeit, um vom Anspannungs- in den Erholungsmodus zu wechseln.
- Schon der Druck, sich im Urlaub erholen zu müssen, kann selbst zur Belastung werden.
Manche Menschen werden im Urlaub sogar krank
- Das Phänomen heißt Leisure Sickness und betrifft laut aktueller Studie fast drei Viertel der Arbeitnehmer:innen in Deutschland.
- Ursache ist vermutlich der plötzliche Abfall von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin.
- Auch ständige Erreichbarkeit nach Feierabend erschwert die echte Erholung.
Kleine Pausen im Alltag wirken nachhaltiger als ein Jahresurlaub
- Der Erholungseffekt des Urlaubs verpufft laut Forschung oft schon nach einer Woche.
- Kurze, regelmäßige Erholungsmomente steigern nachweislich Energie und senken Erschöpfung.
- Nachhaltige Erholung entsteht durch tägliche Routinen, nicht durch einen einzigen Ausnahmezustand im Jahr.
Kennst du das? Der Urlaub ist kaum vorbei und der Stress ist schon wieder da. Viele Menschen erwarten, dass zwei oder drei Wochen frei den Druck eines ganzen Jahres ausgleichen. Genau das funktioniert biologisch nur begrenzt: Studien zeigen, dass sich die Erholung aus dem Urlaub oft innerhalb weniger Tage nach der Rückkehr wieder auflöst.¹ Wer dauerhaft ausgeglichener leben will, kann sich nicht allein auf die freien Wochen im Jahr verlassen.
Warum wir so viel vom Urlaub erwarten
Der Gedanke liegt nahe: Wenn der Alltag monatelang fordernd war, soll der Urlaub das wieder ausgleichen. Diese Erwartung ist auch eine Folge unserer aktuellen Arbeitsrealität. Laut der Mavie Stress Studie 2025 fühlen sich 70 Prozent der Erwerbstätigen in Österreich häufig gestresst, ein Plus von 16 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr.⁵ Für mehr als die Hälfte ist die Arbeit sogar der größte Stressfaktor überhaupt.⁵
Je mehr sich Belastung über Wochen aufbaut, desto größer wird der Druck, dass die freien Tage für Entspannung sorgen müssen. Genau dieser Druck kann dann selbst zur Stressquelle werden. Wer sich vornimmt, im Urlaub „endlich richtig abzuschalten", macht Erholung zu einer Aufgabe, die erfüllt werden muss. Und nimmt sich damit oft die Leichtigkeit, die es dafür eigentlich braucht.
Was in deinem Körper passiert, wenn du nicht abschalten kannst
Stress ist keine reine Kopfsache. Er hängt auch stark mit dem Nervensystem zusammen. Bei anhaltender Belastung bleibt dein Sympathikus, also der aktivierende Teil deines vegetativen Nervensystems, im Wachmodus.³ Das lässt sich nicht einfach mit dem ersten Urlaubstag abstellen.
Der Wechsel vom Anspannungs- in den Erholungsmodus braucht Zeit: Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin bauen sich nur schrittweise ab.³ Wer direkt vom Schreibtisch in den Flieger steigt, konfrontiert den Körper mit einem abrupten Wechsel, auf den er nicht sofort reagieren kann. Das erklärt auch, warum sich viele Menschen in den ersten Urlaubstagen eher unruhig als entspannt fühlen.
Wenn Urlaub krank macht: das Phänomen Leisure Sickness
Manche Menschen werden ausgerechnet dann krank, wenn endlich Zeit zum Ausruhen wäre. Dieses Phänomen nennt sich Leisure Sickness, zu Deutsch Freizeitkrankheit. Eine aktuelle Studie der IU Internationalen Hochschule liefert dazu klare Zahlen.³ 71,9 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Deutschland haben schon einmal an freien Tagen oder im Urlaub Erschöpfung oder Krankheitssymptome erlebt. Bei 19,3 Prozent passiert das sogar häufig oder immer.
Typische Anzeichen sind:
Kopfschmerzen und Erkältungssymptome
Erschöpfung trotz Ruhe
Gereiztheit
Schlafprobleme
Als körperliche Ursache gilt ein plötzlicher Abfall der Stresshormone. Sinkt die Anspannung, normalisiert sich die zuvor unterdrückte Immunreaktion, und genau dann treten die Symptome hervor.³ Auch das Nicht-abschalten-Können nach der Arbeit spielt eine Rolle: 38,4 Prozent der Befragten berichten davon.³ Mehr als die Hälfte sagt zudem, dass ständige Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit ihre Erholung beeinträchtigt.³
Was die Forschung über Erholung im Urlaub wirklich zeigt
Wie schnell verpufft der Urlaubseffekt tatsächlich? Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 hat Daten aus 13 Studien mit insgesamt 1.428 Teilnehmenden ausgewertet.¹ Das Ergebnis: Urlaub verbessert das Wohlbefinden spürbar, etwa bei Stimmung, Stress und Erschöpfung.¹ Bereits eine Woche nach der Rückkehr in den Job zeigen sich aber keine bedeutsamen Unterschiede mehr zum Ausgangsniveau vor dem Urlaub.¹
Spannend dabei: Eine längere Urlaubsdauer verstärkt die Erholung nicht automatisch. Die Forschenden empfehlen deshalb, mehrere kürzere Urlaube über das Jahr zu verteilen, statt alles auf einen einzigen langen Block zu setzen.¹
Warum kleine Erholungsinseln mehr bringen als der eine große Urlaub
Wenn ein einzelner Urlaub die Erholung nicht sichern kann, wo setzt nachhaltige Stressregulation dann an? Bei kurzen, aber regelmäßigen Pausen im Alltag. Eine Metaanalyse mit über 2.300 Teilnehmenden zeigt: Sogenannte Mikropausen, etwa ein kurzer Spaziergang, ein Gespräch oder bewusstes Durchatmen, steigern die Energie messbar und senken Erschöpfung spürbar.⁴
Diese Wirkung entsteht unabhängig davon, wann dein nächster Urlaub ansteht. Wer täglich kleine Erholungsmomente einplant, muss die gesamte Regeneration nicht auf zwei Wochen im Jahr auslagern. Genau hier setzt auch Prävention an: Bewusste Routinen und Offline-Phasen entlasten dein Gehirn schon lange, bevor Erschöpfung chronisch wird.
So gelingt der Übergang in den Urlaub – und zurück
Ein guter Übergang beginnt nicht am Urlaubsort, sondern schon vorher.
Übergangsphase einplanen:
Ein bis zwei Tage zum Herunterkommen vor dem eigentlichen Urlaubsstart machen den Wechsel sanfter, statt direkt von Hundert auf Null zu schalten.
Erwartungen klären:
Wie viel Ruhe brauchst du, wie viel gemeinsame Aktivität? Klare Absprachen nehmen Druck aus dem gemeinsamen Urlaub.
Grenzen setzen:
Diensthandy und Laptop zuhause lassen unterstützt den mentalen Ausstieg nachweislich stärker als reine Willenskraft.
Rückkehr mitplanen:
Mindestens ein Tag zwischen Urlaubsende und erstem Arbeitstag hilft, die Erholung nicht sofort wieder zu verlieren.
Wenn du diesen Übergang bewusst gestaltest, kannst du die Erholung im Urlaub deutlich verlängern.
Bleibt die Erschöpfung über einen längeren Zeitraum bestehen, solltest du das nicht ignorieren. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt anhaltende Erschöpfung durch chronischen Stress am Arbeitsplatz als Syndrom mit drei zentralen Merkmalen.² Dazu zählen Energiemangel, wachsende Distanz zur eigenen Arbeit und ein sinkendes Gefühl von Leistungsfähigkeit. Dann braucht es mehr als kurze Pausen, zum Beispiel professionelle Unterstützung.






